Mein neuntes Lebensjahr - 2005/2006
In diesem Jahr ging es mir richtig gut. Ich habe wieder viele Fortschritte gemacht und die Schule machte mir nun richtig Spaß. In der ersten Zeit, brachte man uns viele praktischen Dinge bei, wie z. B. den Tisch zu decken, Geschirr abwaschen und abtrocknen und hinterher alles wieder wegzuräumen.
Eines unserer großen Themen im Sachunterricht des ersten Schuljahres war es, unseren Körper besser kennen zu lernen. Ich habe gelernt, alle meine Körperteile zu benennen. Um den Ablauf des Unterrichts zu planen, führte man Symbole und Bilder ein, denen ich ohne Schwierigkeiten die anstehend Aufgaben entnehmen konnte.
Da ich mit Buchstaben ohnehin keine Probleme mehr hatte, konnte ich nun sogar schon die Namen aller meiner Mitschüler und einige andere Wörter als Wortbild erlesen. Ich speicherte einfach die kompletten Wörter ab, denn die Synthese zweier Silben gelang mir noch nicht. Am PC konnte ich sogar meinen Namen selbstständig schreiben. Mit einem Stift gelang mir das nicht, weil ich es einfach nicht schaffte, einen Stift vernünftig zu halten.
Zu Hause übte ich oft einem speziellen Programm für Grund- und Sonderschulen von der Firma Budenberg. Dort konnte ich ohne Probleme die Anfangsbuchstaben zu vielen verschiedenen Bildern zuordnen und auch schon einige Wörter buchstabieren.
Im Rechnen machte ich in spielerischer Form Übungen zum Mengenverständnis. Ich konnte Würfelbilder den entsprechenden Zahlen zuordnen, aber mit dem Zuteilen von Mengen klappte es vorerst nur bis 5.
Wir gingen regelmäßig Schwimmen und hatten einmal in der Woche Sportunterricht. In der Turnhalle liebe ich besonders die große Therapieschaukel. So brachte ich das erste Schuljahr hinter mich und wurde im Sommer in die zweite Klasse versetzt.
In meiner Freizeit spielte ich immer gern Nintendo. Ganz besonders hatte es mir mein Formel 1-Rennspiel angetan. Ohne dass es jemand bemerkte, konnte ich plötzlich die Namen aller Länder der Rennstrecken im Spiel lesen, die ich ebenso einfach abspeicherte wie die kompletten Rennstrecken. Meine Eltern waren ziemlich fassungslos, als sie sich eines Tages ins Wohnzimmer kam, einen kurzen Blick auf unseren Fernseher warf, wo sie sich gerade ein Formel 1 Rennen ansahen, und rief: „Oh…Belgien!“ Sie wissen bis heute nicht, woran ich das erkannt habe, denn der Name des Landes wurde nie eingeblendet. Das klappte übrigens auch bei den folgenden Rennen. Ich erkannte sogar auf den ersten Blick, ob da nun gerade Michael Schumacher oder Rubens Barrichello um die Kurve biegt, obwohl beide einen roten Ferrari fuhren.
Im ersten Halbjahr des zweiten Schuljahres lernte ich viele neue Wörter kennen. So kann ich jetzt auch die Wochentage, ganz viele Namen aus der Familie und viele Begriffe aus dem Klassenzusammenhang als Ganzwort erlesen. Das Zusammenziehen eines Wortes aus Silben wurde in diesem Halbjahr viel geübt. Ich habe immer noch Probleme damit, aber ich arbeite weiter daran. In der Schule schreibe ich auf einer intellikeys-Tastatur am Computer. Die Namen meiner Mitschüler und der Erwachsenen der Klasse kann ich schon allein schreiben. Auch die erlernten Ganzwörter kann ich mit leichter Hilfe schon allein eintippen. Die Arbeit am Computer macht mir großen Spaß.
In der Mathematik übe ich jetzt auch mit Geldstücken, damit ich mir Mittwochs an unserem Kiosk, das von mir heiß begehrte Wurstbrötchen irgendwann allein kaufen kann. Momentan lerne ich beim Einstellen des täglichen Datums, die richtigen Zahlen herauszufinden.
Im Umgang mit meinen Mitschülern bin ich fröhlicher und mutiger geworden. Mit Unterstützung der Erwachsenen traue ich mir jetzt viel mehr zu. Auch an meinen motorischen Fähigkeiten wird hart gearbeitet. In einer Kleingruppe lernte ich auf labilem Grund zu laufen und Höhenunterschiede zu überwinden. Die Erfolge waren von Stunde zu Stunde deutlich sichtbar.
Zu Weihnachten haben wir zusammen mit Kindern aus der 4. und 9. Klasse ein Krippenspiel aufgeführt. Ich habe einen Engel gespielt und war total stolz, dass alles so gut geklappt hat.
Sprachlich sind meine Sätze länger geworden. 4-Wort-Sätze sind inzwischen kein Problem mehr für mich. Meine Aussprache ist noch etwas undeutlich, aber in der Familie und in der Schule kann ich mit gut verständigen.
Seit September 2004 nehme ich nun keinerlei Medikamente mehr. Da ich seitdem keinen einzigen Anfall mehr hatte und es mit meiner Entwicklung gut voran geht, besteht dazu nach Meinung des Neurologen im Moment auch keine Veranlassung. Eine feststehende Diagnose gibt es zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht, aber wir suchen weiter.
Einige meiner Ärzte werden diese Seite sicher nicht gerne sehen, aber ihnen möchte ich sagen: "Es wäre schön, wenn ihr euch mal selbst ein paar Gedanken macht und nicht immer nur wartet bis Mama euch wieder kräftig auf die Nerven geht. Vielleicht macht es ja wirklich Sinn, erst mal herauszufinden, was mir eigentlich fehlt, statt nur immer meine Symptome zu behandeln."
Meine Geschichte endet vorläufig im Januar 2006. Wenn sie euch gefallen hat, schaut doch in einem halben Jahr noch mal vorbei, denn dann gibt es garantiert wieder ein Update.
Larissa